Die Niederlande sind eines der reichsten Länder der Welt. Das hören wir oft. Die Wirtschaft läuft, die Zahlen sind gut und das soziale Sicherheitsnetz ist stark. Aber am Küchentisch von Johan fühlt sich diese Geschichte weit entfernt an.
Johan ist 82 Jahre alt, pensioniert und lebt allein. Er ist gesund genug, um selbstständig zu wohnen, aber alt genug, um die Kälte schneller zu spüren. Dennoch steht sein Thermostat selten höher als 18 Grad. Nicht, weil er das angenehm findet, sondern weil er es sich nicht zu leisten wagt.
Jedes Grad fühlt sich wie ein Risiko an
„Früher stellte ich ihn ohne nachzudenken auf 20“, sagt Johan. „Jetzt schaue ich zuerst auf den Zähler.“
Die Energierechnung ist für ihn eine ständige Quelle von Stress. Jedes zusätzliche Grad fühlt sich wie ein Glücksspiel an. Komme ich diesen Monat noch über die Runden? Was, wenn es ein strenger Winter wird? Was, wenn die Rechnung bald wieder steigt?
Er zieht lieber einen zusätzlichen Pullover an, als es später zu bereuen.
Rente in einem teuren Land
Johan erhält AOW und eine kleine zusätzliche Rente. Auf dem Papier keine Armut. Aber die Wirklichkeit ist, dass die Fixkosten immer mehr auffressen. Energie, Lebensmittel, Gesundheitskosten – alles ist teurer geworden. Sein Einkommen nicht.
Er hört Politiker über Kaufkraft und Kompensation reden, aber in seinem Portemonnaie merkt er davon wenig. Die Spielräume sind klein. Ein Rückschlag kann schon reichen, um es brenzlig zu machen.

Wohlhabend, aber für wen?
Die Niederlande bezeichnen sich gern als ein wohlhabendes Land. Und das sind sie auch, in Zahlen und Durchschnittswerten. Aber Durchschnitte wärmen keine Häuser. Sie bezahlen keine Energierechnung.
Für viele Pensionäre fühlt es sich an, als fielen sie zwischen die Stühle. Zu „reich“ für strukturelle Unterstützung, zu verletzlich, um die steigenden Kosten leicht abzufangen. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet, Steuern gezahlt und beigetragen. Jetzt zählen sie jeden Euro.
Die stille Entscheidung für Kälte
Was Johan vielleicht am meisten stört, ist, dass es niemand sieht. Er klagt nicht. Er geht nicht demonstrieren. Er passt sich an. Genau wie viele andere.
Die Heizung niedriger. Weniger duschen. Lichter aus. Alles, um die Kosten im Griff zu behalten. Es sind stille Entscheidungen, die in Statistiken nicht auftauchen, wohl aber in Wohnzimmern im ganzen Land.
Alt werden mit Sorgen
Das Alter sollte Ruhe bringen. Sicherheit. Das Gefühl, es geschafft zu haben. Für Johan fühlt es sich anders an. Er hat keine Angst vor dem Alter, sondern vor der Rechnung im Briefkasten.
Das schmerzt. In einem so reichen Land sollte niemand mit 82 Angst haben müssen, die Heizung aufzudrehen.
Aber solange Energie teuer bleibt und die Einkommen zurückbleiben, bleibt bei Johan der Thermostat auf 18 Grad stehen. Nicht, weil er das will, sondern weil die Niederlande für viele Pensionäre in der Theorie wohlhabend sind und in der Praxis zu teuer sind.



