Anne (55) blickt mit wachsender Verwunderung auf die politische Debatte in den Niederlanden. Ihrer Ansicht nach wird das Wort Demokratie oft als moralischer Schild benutzt, aber immer weniger als praktischer Ausgangspunkt. „Eine Demokratie bedeutet doch, dass man miteinander im Gespräch bleibt?“, sagt sie. „Gerade wenn Meinungen aneinander reiben.“
Ausschluss als neue Normalität
Anne weist darauf hin, dass in den letzten Jahren vor allem rechte Parteien von linken Parteien strukturell ausgeschlossen werden. Keine Zusammenarbeit, keine Koalitionen, oft sogar kein inhaltliches Gespräch. „Noch bevor über Inhalte gesprochen wird, ist die Tür schon zu“, sagt sie. „Das fühlt sich eher wie moralische Zensur an als wie Demokratie.“
Es geht nicht darum, einer Meinung zu sein
Anne betont, dass ihr Standpunkt oft missverstanden wird. „Die Leute denken sofort: ‚Dann wird sie wohl mit dieser Partei übereinstimmen.‘ Aber darum geht es überhaupt nicht.“
Ihrer Meinung nach muss man mit einer Partei nicht einverstanden sein, um sie nicht auszuschließen. „In einer Demokratie stimmen die Menschen für die unterschiedlichsten Parteien. Das bedeutet, dass diese Ideen unter den Bürgern leben. Sie zu ignorieren oder abzutun, löst nichts.“

Was sagt das über die Demokratie?
Anne stellt eine unbequeme Frage: „Wie demokratisch ist eine Demokratie, wenn bestimmte Stimmen von vornherein für ungültig erklärt werden?“ Ihrer Ansicht nach untergräbt Ausschluss gerade das Vertrauen in das System. „Menschen fühlen sich nicht gehört und wenden sich dann von der Politik ab — oder radikalisieren sich.“
Dialog ist keine Zustimmung
Was Anne vermisst, ist die Unterscheidung zwischen Zuhören und Zustimmen. „Ins Gespräch zu gehen bedeutet nicht, dass man nachgibt. Es bedeutet, dass man versteht, woher Ideen kommen.“
Sie glaubt, dass echte demokratische Widerstandsfähigkeit gerade durch Debatte entsteht. „Wenn Positionen wirklich so schwach oder gefährlich sind, gewinnt man diese Debatte mit Argumenten — nicht durch Ausschluss.“
Aus den Standpunkten des jeweils anderen lernen
Laut Anne besteht das Problem darin, dass sich Politik immer mehr darum dreht, moralische Grenzen zu ziehen. „Wir sind gut, sie sind schlecht. Aber so einfach ist die Gesellschaft nicht.“
Sie plädiert für mehr Reife in der Debatte. „Gehen wir den Dialog an. Zuhören. Fragen stellen. Kritisch sein, ohne den anderen zu dämonisieren.“
„Demokratie braucht Mut“
Anne schließt mit einer klaren Botschaft. „Demokratie ist chaotisch. Unbequem. Manchmal konfrontativ. Aber gerade deshalb ist sie wertvoll.“
„Parteien auszuschließen mag sich vielleicht sicher anfühlen“, sagt sie, „aber echte Demokratie braucht Mut: den Mut, miteinander im Gespräch zu bleiben — auch wenn es reibt.“



