Ein Gesicht voller Tinte, auf der Suche nach Arbeit
Die 46-jährige Melissa Sloan, Mutter von zwei Kindern, hat rund 800 Tätowierungen und fragt sich, warum sie kaum Arbeit findet. Sie begann in ihren Zwanzigern mit Tinte und bezog schon bald auch ihr Gesicht ein. Inzwischen ist es fast vollständig bedeckt. Regelmäßig lässt sie neue Motive über ältere stechen, sodass Schicht über Schicht entstanden ist. Ihrer Ansicht nach sorgt gerade dieser auffällige Look dafür, dass sie bei Bewerbungen wenig Chancen hat.
Wie es begann
Was als ein paar kleine Bilder begann, wurde zu einem Lebensprojekt. Bereits mit zwanzig ließ Melissa sich ihre erste Tätowierung stechen. Danach ging es schnell. Auch Partien, die man normalerweise eher auslässt—wie das Gesicht—kamen dazu. Wenn man einmal so weit ist, erzählt sie, will man immer wieder ein Stückchen mehr. Und wenn kein Platz mehr ist, kommt einfach eine neue Schicht darüber.
Was 800 Tattoos mit den Chancen auf dem Arbeitsmarkt machen
Laut Melissa ist es vor allem ihr Aussehen, das die Türen verschlossen hält. Sie sagt, Arbeitgeber sprängen sofort ab, sobald sie hereinkommt. Man kann es sich vorstellen: Sichtbare Tinte, besonders im Gesicht, bleibt für viele Unternehmen ein heikles Thema. Melissa glaubt, dass dieser erste Eindruck so stark ist, dass sie nicht einmal die Chance bekommt zu zeigen, was sie kann.

Als Toilettenreinigerin gearbeitet, dann vor die Tür gesetzt
Früher arbeitete sie als Toilettenreinigerin, verlor diesen Job aber. Offiziell, weil ihre Arbeit „nicht gut genug“ gewesen sei, obwohl sie nicht weiß, ob ihr tätowiertes Gesicht doch eine Rolle spielte. Bemerkenswert sei, sagt sie, dass ihr damaliger Arbeitgeber selbst voller Tinte war. Melissa betont, dass sie bereit ist, so gut wie jede Art von Arbeit anzunehmen: Wenn sie morgen jemand anruft, ist sie da—unabhängig von der Position.
Bewerbungen bringen kaum etwas
Jüngste Versuche, wieder einzusteigen—unter anderem erneut als Toilettenreinigerin—verliefen im Sande. Melissa ist überzeugt, dass sie wegen ihres Aussehens abgelehnt wird. Online kursieren sogar Meldungen, sie habe noch nie gearbeitet. Das sei blanker Unsinn, sagt sie; sie betont, dass sie sehr wohl Jobs gehabt habe und einfach wieder mitmachen wolle.
Grenzen in Tattoostudios
Sogar innerhalb der Tattooszene stößt sie auf Mauern. Manche Studios wollen sie nicht länger behandeln. Man finde, sie sei „zu weit“ gegangen. Es ist eine seltsame Situation: Man beginnt etwas, das persönlich ist, man fühlt sich damit wohl, und plötzlich ziehen die Menschen, die einem immer geholfen haben, eine Grenze. Trotzdem bleibt sie dabei, dass es das ist, was sie will—schließlich ist es ihr Körper und ihre Entscheidung.
Auch im Alltag stößt sie auf Mauern
Nicht nur Arbeitgeber reagieren reserviert. Melissa erzählt, dass sie an der Schule ihrer Kinder weniger willkommen ist und dass man sie in der örtlichen Kneipe schief anschaut. Wenn man so sichtbar anders ist, bemerkt sie, wird man öfter beurteilt, bevor man ein einziges Wort gesagt hat. Das ist vielleicht das Schwierigste: Man bekommt wenig Gelegenheit zu zeigen, wer man hinter den Schichten aus Tinte ist.
Weitermachen bis siebzig
Trotz aller Absagen hat Melissa nicht vor, aufzuhören. Sie sagt, sie wolle bis zu ihrem siebzigsten weitermachen und schließlich solle jedes Stück Haut bedeckt sein. Ihr Gesicht wirkt inzwischen bläulich durch die vielen Schichten, und Leute machen manchmal Witze, sie sehe aus wie ein Schlumpf. Das störe sie nach eigener Aussage nicht. Mit ihren Tätowierungen fühlt sie sich am meisten sie selbst und lässt sich nicht von den Meinungen anderer wegdrängen.
Was hängen bleibt
Die Geschichte von Melissa zeigt, wie stark äußere Ausdrucksform und praktische Realität aufeinanderprallen können. Sichtbare Tätowierungen, besonders im Gesicht, können Türen zuschlagen—so sehr man auch arbeiten möchte. Gleichzeitig ist ihr Entschlossenheit unübersehbar: Sie entscheidet sich für ein Aussehen, mit dem sie sich wohlfühlt, auch wenn das Konsequenzen hat. Ob Arbeitgeber jemals über die Tinte hinausblicken, ist fraglich. Melissa hofft jedenfalls auf die eine Chance, zu zeigen, dass hinter 800 Tattoos mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht.



