Anne (23): „Ich habe Schule und Arbeit aufgegeben und werde mich voll und ganz dem Aktivismus widmen.“

Während viele Niederländer jeden Morgen früh für ihre Arbeit oder ihr Studium aufstehen, trifft Anne (23) aus Utrecht eine bemerkenswerte Entscheidung. Sie beschloss, ihr Studium und ihren Nebenjob aufzugeben, um sich vollständig auf Aktivismus und Demonstrationen zu konzentrieren.

„Studieren fühlte sich für mich sinnlos an“, erzählt sie. „Die Welt steht in Flammen. Klima, Ungleichheit, Krieg … jemand muss etwas dagegen tun. Also habe ich mit Schule und Arbeit aufgehört, um mich ganz dem Aktivismus zu widmen.“

Vom Hörsaal auf den Protestplatz

Anne begann während ihres Politikwissenschaftsstudiums immer häufiger Demonstrationen zu besuchen. Zunächst sporadisch, später fast wöchentlich. Schließlich entschied sie, dass Protestieren für sie wichtiger war als ihr Studium.

„Irgendwann saß ich in einem Hörsaal und dachte: Warum sitze ich hier? Die wirkliche Veränderung findet draußen, auf der Straße, statt.“

Seitdem ist sie regelmäßig bei Demonstrationen in Städten wie Amsterdam, Den Haag und Utrecht anzutreffen. In den vergangenen Jahren haben die Proteste in den Niederlanden stark zugenommen: Allein in Den Haag finden jährlich Hunderte Demonstrationen zu Themen wie Klima, Agrarpolitik, Bildung und internationalen Konflikten statt.

Aktivismus als „Arbeit“

Laut Anne fühlt sich Aktivismus inzwischen wie ihre Vollzeitbeschäftigung an. Sie hilft bei der Organisation von Aktionen, gestaltet Plakate und mobilisiert Menschen über soziale Medien.

„Das kostet viel Zeit. Man muss Aktionen planen, Menschen erreichen und bei Protesten präsent sein. Das ist fast schon ein Job für sich.“

Kritiker behaupten jedoch, viele Aktivisten würden vor allem demonstrieren, ohne Verantwortung für Arbeit oder Studium zu übernehmen. Anne versteht diese Kritik, ist damit aber nicht einverstanden.

„Veränderung kommt nie von Menschen, die einfach nur ihre Arbeit weitermachen und sonst nichts.“

Werden Demonstrierende bezahlt?

Ein häufiger Vorwurf in Debatten über Proteste ist, dass Demonstrierende „bezahlt“ werden, um anwesend zu sein. Die Idee sogenannter paid protesters taucht regelmäßig in politischen Diskussionen und Online-Debatten auf, doch handfeste Belege dafür, dass ganze Demonstrationen aus bezahlten Teilnehmenden bestehen, sind selten. ()

Was es jedoch gibt, sind Aufwandsentschädigungen für Freiwillige innerhalb von Organisationen. In den Niederlanden dürfen Freiwillige eine steuerfreie Ehrenamtsvergütung erhalten. Diese kann bis zu etwa €210 pro Monat oder €2100 pro Jahr betragen, mit einem maximalen Stundensatz von wenigen Euro.

Bei einigen Aktionsgruppen kann es auch eine Kostenerstattung geben. So berichtete ein Sprecher der Klimaaktionsgruppe Extinction Rebellion, dass ein Teil der Demonstrierenden eine Vergütung von etwa €170 pro Monat erhielt, um entstandene Kosten zu decken.

Nach Angaben der Organisationen selbst handelt es sich dabei nicht um eine „Bezahlung fürs Protestieren“, sondern um die Erstattung von Kosten wie Reisen, Schulungen oder Materialien.

Aktivismus wächst

In den vergangenen Jahren ist Aktivismus in den Niederlanden sichtbarer geworden. Klimaproteste, Studentenaktionen und Bauernproteste zogen regelmäßig Tausende Teilnehmende an und riefen mitunter auch heftige Reaktionen in der Gesellschaft hervor.

Anne glaubt, dass dies erst der Anfang ist.

„Immer mehr junge Menschen haben das Gefühl, dass das System nicht für sie funktioniert. Dann ist Protestieren eine Möglichkeit, seine Stimme hörbar zu machen.“

Ob sie jemals wieder studieren oder arbeiten wird, weiß sie noch nicht.

„Vielleicht. Aber vorerst hat Aktivismus für mich Priorität.“