Eine aufsehenerregende journalistische Recherche zu möglichen Nebenwirkungen von Corona-Impfstoffen wirft neue Fragen auf.
Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern berichten, dass sie auf Hindernisse stoßen, wenn sie langanhaltende Gesundheitsbeschwerden untersuchen, die manche Menschen nach einer Corona-Impfung melden.
Einige Studien lassen sich laut den Forschern nur schwer veröffentlichen. Andere Forschungsanträge erhalten keine Finanzierung.
Das geht aus einer Recherche von Pointer, Trouw und The Investigative Desk hervor, die am 16. Oktober 2026 veröffentlicht wurde.
Die beteiligten Wissenschaftler finden, es müsse mehr Raum geben, mögliche Nebenwirkungen sorgfältig zu untersuchen.
Das bedeutet nicht, dass nachgewiesen wäre, dass Corona-Impfstoffe in großem Umfang langanhaltende Beschwerden verursachen. Die Forscher finden jedoch, dass bestimmte Fragen noch unzureichend beantwortet sind.
Forschende äußern Bedenken
Corona-Impfstoffe spielten während der Pandemie eine wichtige Rolle bei der Verhinderung schwerer Erkrankungen und Todesfälle.
Wie bei anderen Arzneimitteln und Impfstoffen können Nebenwirkungen auftreten.
Bekannte Nebenwirkungen werden daher von Gesundheitsbehörden untersucht und erfasst.
Nach Ansicht mehrerer Wissenschaftler gibt es jedoch noch unzureichende Klarheit über bestimmte langanhaltende Beschwerden, die Menschen nach der Impfung melden.
Dabei geht es beispielsweise um extreme Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Nervenschmerzen.
Einige Patienten geben an, dass ihre Beschwerden kurz nach einer Corona-Impfung begonnen hätten.
Ob diese Beschwerden tatsächlich durch den Impfstoff verursacht wurden, ist jedoch nicht in allen Fällen festgestellt.
Genau diesen möglichen Zusammenhang wollen Forscher besser verstehen.
Forschung an der US-amerikanischen Yale-Universität
Eines der Beispiele aus der journalistischen Recherche stammt von der US-amerikanischen Yale-Universität.
Dort untersuchen Wissenschaftler seit Längerem Patienten mit Post-Covid, auch Long Covid genannt.
2022 beschlossen sie zusätzlich, Menschen mit langanhaltenden Beschwerden nach einer Corona-Impfung zu untersuchen.
Diese Beschwerden werden von einigen Forschern als Post-Vakzinationssyndrom (PVS) bezeichnet.
Es handelt sich um ein Bündel von Beschwerden, deren genaue Ursache und Abgrenzung noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sind.
Die Forscher wollten unter anderem prüfen, ob sich bei diesen Patienten messbare Veränderungen im Körper finden lassen.
Veröffentlichung erweist sich als schwierig
Nach Angaben der beteiligten Forscher verlief die Veröffentlichung ihrer Studien zu Post-Covid relativ reibungslos.
Beim Forschungsthema Beschwerden nach der Impfung stellten sie jedoch einen auffälligen Unterschied fest.
Forschungsergebnisse, die nach ihrer Auffassung mit ähnlichen Methoden gewonnen worden waren, ließen sich schwerer in wissenschaftlichen Fachzeitschriften unterbringen.
Der Neurowissenschaftler David Putrino, Professor am Mount-Sinai-Krankenhaus in New York, sagte Pointer, die Forscher hätten ihre Vorgehensweise kaum verändert.
Dennoch sei die Veröffentlichung der neuen Studien deutlich schwieriger gewesen.
Seiner Ansicht nach lag der Unterschied vor allem in der untersuchten Erkrankung.
Was fanden die Wissenschaftler?
Die Yale-Forschungsgruppe veröffentlichte im Februar 2025 vorläufige Ergebnisse.
Darin beschrieben die Wissenschaftler Veränderungen im Blut und im Immunsystem einer kleinen Gruppe untersuchter Patienten.
Das kann Anlass zu weiterer Forschung geben.
Die Forscher betonten jedoch selbst, dass sich ihre Studie noch in einem frühen Stadium befand.
Die Untersuchungsgruppe war klein, und die Ergebnisse mussten in größeren Studien noch bestätigt werden.
Daher können noch keine endgültigen Schlussfolgerungen über einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den untersuchten Beschwerden gezogen werden.
Einen biologischen Unterschied bei Patienten festzustellen, ist nämlich nicht automatisch dasselbe wie der Nachweis dafür, wodurch dieser Unterschied entstanden ist.
Diskussion über mögliche Blutgerinnsel
Auch schwedische Wissenschaftler stießen laut Pointer auf Schwierigkeiten.
Der Professor Per Hammarström und die Forscherin Sofie Nyström untersuchten das Spike-Protein des Coronavirus.
Sie prüften, ob dieses Protein unter bestimmten Bedingungen zur Bildung schwer abbaubarer Blutgerinnsel beitragen kann.
Die Forscher regten an, dass ihre Ergebnisse möglicherweise relevant sein könnten, um bestimmte Nebenwirkungen zu verstehen.
Doch während der wissenschaftlichen Begutachtung ihres Artikels entspann sich eine Diskussion über diese Hypothese.
Gutachter hielten die mögliche Verknüpfung mit Impfnebenwirkungen für unzureichend untermauert und äußerten sich besorgt über die gesellschaftlichen Folgen solcher Aussagen.
Die Forscher entschieden, den Verweis auf mögliche Impfnebenwirkungen aus ihrer Veröffentlichung zu entfernen.
Wissenschaftliche Vorsicht oder unerwünschter Druck?
Die Ereignisse werfen eine wichtige Frage auf.
Wann ist Kritik an einer Studie ein normaler Bestandteil der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle, und wann empfinden Forscher diese Kritik als Hemmnis, relevante Fragen zu stellen?
Wissenschaftliche Zeitschriften lassen Studien von anderen Fachleuten begutachten.
Diese Begutachtung soll Fehler, unklare Schlussfolgerungen und unzureichend belegte Behauptungen erkennen.
Das ist wichtig, gerade in der medizinischen Forschung.
Gleichzeitig müssen Forscher den Raum haben, neue Hypothesen zu untersuchen.
Auch wenn die Ergebnisse sensibel sind.
Die von Pointer befragten Wissenschaftler finden, dass dieses Gleichgewicht mitunter verloren geht.
Ihre Erfahrungen sind jedoch nicht automatisch ein Beleg dafür, dass es eine organisierte Bemühung gibt, Informationen zurückzuhalten.
Auch in den Niederlanden wurden Forschungsanträge abgelehnt
Nicht nur ausländische Wissenschaftler sprechen von Hindernissen.
Auch in den Niederlanden sind Forscher enttäuscht über das Ausbleiben von Fördermitteln.
Das Nebenwirkungszentrum Lareb reichte gemeinsam mit unter anderem dem Amsterdam UMC, der Rijksuniversiteit Groningen und dem Erasmus MC Forschungsanträge ein.
Damit wollten die Forscher mehr Klarheit über langanhaltende Beschwerden gewinnen, die Menschen nach einer Impfung melden.
Sie wollten zum Beispiel untersuchen, wie häufig derartige Beschwerden vorkommen und welche Prozesse im Körper möglicherweise eine Rolle spielen.
Die Anträge wurden bei ZonMw eingereicht, einer Organisation, die Gesundheitsforschung finanziert.
Doch beide Anträge wurden abgelehnt.
Lareb-Direktorin enttäuscht
Agnes Kant, Direktorin des Nebenwirkungszentrums Lareb, sagt in der Recherche, sie sei von den Ablehnungen enttäuscht gewesen.
Ihrer Ansicht nach ging es um relevante Fragen, zu denen Patienten und Ärzte sich mehr Klarheit wünschen.
Auch der Immunologe Jeroen den Dunnen vom Amsterdam UMC äußert Kritik.
Er findet, die Begründung für die Ablehnungen sei nicht überzeugend gewesen.
Seiner Meinung nach entstand eine schwierige Situation.
Um bestimmte Beschwerden besser untersuchen zu können, müsse zunächst klar sein, wie häufig sie vorkommen.
Doch auch ein Antrag, der genau diese Frage beantworten sollte, erhielt keine Förderung.
Dadurch bleibt nach Ansicht der Forscher wichtiges Wissen womöglich länger aus.
Was bedeutet das für Menschen mit Beschwerden?
Für Menschen, die nach einer Impfung langanhaltende Gesundheitsprobleme erleben, kann der Mangel an Klarheit besonders frustrierend sein.
Sie möchten wissen, woher ihre Beschwerden kommen.
Außerdem hoffen sie auf bessere Möglichkeiten für Forschung, Begleitung und Behandlung.
Dennoch ist es wichtig, sorgfältig zu bleiben.
Wenn jemand nach einer Impfung erkrankt, bedeutet das nicht automatisch, dass die Impfung die Ursache ist.
Gesundheitsprobleme können auch andere Ursachen haben oder zufällig im selben Zeitraum auftreten.
Um einen ursächlichen Zusammenhang festzustellen, braucht es gut konzipierte Studien, in denen Forscher andere mögliche Erklärungen berücksichtigen.
Deshalb plädieren die beteiligten Wissenschaftler gerade für mehr solide Forschung.

Corona-Impfstoffe haben auch viele Leben gerettet
Zur Diskussion über mögliche Nebenwirkungen gehört ein wichtiger Vorbehalt.
Corona-Impfstoffe haben während der Pandemie Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhauseinweisungen und Todesfällen geboten.
Das wird durch umfangreiche wissenschaftliche Forschung gestützt.
Die Erfahrungen von Forschern, die mögliche Nebenwirkungen untersuchen, ändern das nicht automatisch.
Zugleich bedeutet die nachgewiesene Wirksamkeit von Impfstoffen nicht, dass mögliche Nebenwirkungen außer Acht gelassen werden dürfen.
Beide Themen können nebeneinander bestehen.
Ein gut wirkendes Arzneimittel oder ein Impfstoff kann Vorteile haben und gleichzeitig Risiken mit sich bringen.
Daher ist es wichtig, beides sorgfältig zu untersuchen.
Warum offene Forschung wichtig ist
Die Diskussion berührt ein übergeordnetes Thema: Vertrauen in die Wissenschaft.
Menschen müssen darauf vertrauen können, dass medizinische Produkte gründlich untersucht werden.
Dazu gehört nicht nur die Aufmerksamkeit für die Vorteile, sondern auch für mögliche Nachteile.
Gleichzeitig müssen Forscher mit vorläufigen Ergebnissen vorsichtig sein.
Wenn kleine Studien zu schnell als endgültiger Beweis präsentiert werden, können falsche Schlussfolgerungen entstehen.
Das kann unnötige Angst auslösen.
Wenn relevante Forschungsfragen jedoch unzureichend untersucht werden, kann das ebenfalls das Vertrauen beeinträchtigen.
Transparenz und Sorgfalt sind daher beide unerlässlich.
Was geschieht jetzt?
Die journalistische Recherche von Pointer, Trouw und The Investigative Desk hat verschiedene Erfahrungen von Wissenschaftlern zusammengetragen.
Dadurch ist die Diskussion über den Raum für Forschung zu möglichen Impfnebenwirkungen erneut in Gang gekommen.
Ob die Veröffentlichung zu neuen Fördermitteln oder Veränderungen bei wissenschaftlichen Zeitschriften führt, ist noch nicht bekannt.
Auch bleiben medizinische Fragen unbeantwortet.
Die beteiligten Forscher hoffen, dass ihre Erfahrungen Anlass geben, die Forschungsmöglichkeiten erneut zu prüfen.
Wichtige Fragen bleiben bestehen
Der Kern der Geschichte ist nicht, dass alle Corona-Impfstoffe gefährlich wären.
Dafür liefert die Recherche keinen Beleg.
Der Kern ist, dass Wissenschaftler, die bestimmte langanhaltende Beschwerden nach der Impfung untersuchen wollen, nach eigener Aussage auf Hindernisse stoßen.
Und das wirft Fragen darüber auf, wie Forschung bewertet, veröffentlicht und finanziert wird.
Gerade bei Themen, die viele Menschen beschäftigen, ist es wichtig, dass Forschung sorgfältig, unabhängig und transparent stattfinden kann.
Nur so kann klar werden, welche Beschwerden tatsächlich mit der Impfung zusammenhängen und welche andere Ursachen haben.
Was meinst du? Sollte mehr Geld für unabhängige Forschung zu möglichen langanhaltenden Nebenwirkungen von Corona-Impfstoffen bereitgestellt werden?



