Influencerin Jill (23): Manchmal verdiene ich an einem Tag auf TikTok so viel, wofür Ältere einen Monat arbeiten müssen

Jill ist 23 und verdient ihr Geld online. Mit ein paar Stunden Filmen, Schneiden und Posten kann sie mehr verdienen als manche Menschen mit einem Vollzeitjob in einem ganzen Monat. “Ich verstehe, dass das weh tut,” sagt sie. “Aber es ist nun mal die Realität.” Ihr Arbeitstag sieht anders aus als der ihrer Eltern. Keine Stechuhr, keine festen Zeiten, kein Büro. “Aber das heißt nicht, dass es keine Arbeit ist.”

Vom Hobby zum Einkommen

Was als ein Witz auf TikTok begann, wuchs rasend schnell zu einer ernsthaften Einnahmequelle heran. Marken bezahlten für Kooperationen, Aufrufe wurden zu Geld und Follower zu Reichweite. “Ich habe das nicht studiert,” sagt Jill ehrlich. “Ich bin da einfach reingerutscht.” Sie merkt, dass vor allem ältere Generationen sich damit schwertun. “Für sie ist Arbeit etwas, wofür man körperlich anwesend sein muss.”

Wut und Unverständnis

Jill bekommt regelmäßig negative Reaktionen. Menschen, die sagen, dass es unfair ist, dass sie nichts beiträgt, dass es kein echter Job ist. “Dann denke ich: Ich habe dieses System nicht erfunden,” sagt sie. “Ich spiele das Spiel, das es jetzt gibt.” Laut Jill richtet sich die Wut nicht wirklich gegen sie, sondern gegen eine Welt, die sich verändert hat. “Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie hart arbeiten und trotzdem nicht vorankommen.”

Was ist Arbeit eigentlich

Laut Jill berührt ihre Situation eine größere Frage. Was nennen wir Arbeit, und was ist sie uns wert. “Jemand, der Videos macht, wird schief angeschaut, aber jemand, der den ganzen Tag E-Mails verschickt, nicht.” Sie findet, dass wir an einer alten Vorstellung von Produktivität festhalten. “Wenn man am Ende des Tages fix und fertig ist, dann hat man wirklich gearbeitet, so fühlt es sich für viele Menschen an.” Diese Definition passt ihrer Meinung nach aber nicht mehr in diese Zeit.

Generationen, die aneinander vorbeireden

Jill merkt, dass Gespräche mit älteren Menschen oft festlaufen. “Sie vergleichen ihre Lohnabrechnung mit meinen Einnahmen und fühlen sich über den Tisch gezogen.” Sie versteht dieses Gefühl, sieht aber auch, dass die Welt, in der sie aufgewachsen ist, eine andere ist. “Feste Jobs sind seltener, Wohnen unerschwinglich und Sicherheit weniger selbstverständlich.” Für ihre Generation fühlt sich schnelles Geldverdienen weniger wie Luxus und mehr wie Notwendigkeit an.

Keine Garantie, kein Auffangnetz

Was laut Jill oft vergessen wird, ist die Unsicherheit. “Heute verdiene ich viel, morgen vielleicht nichts.” Algorithmen ändern sich, Trends verschwinden und Aufmerksamkeit ist flüchtig. “Ich baue keine Altersvorsorge auf und habe keine Sicherheit.” Das wird jedoch selten berücksichtigt. “Menschen sehen nur die Spitze, nicht das Risiko.”

Symbol eines größeren Problems

Jill sieht sich nicht als Ausnahme, sondern als Symptom. “Es geht hier nicht um TikTok,” sagt sie. “Es geht um eine Wirtschaft, in der die Belohnung von der Anstrengung entkoppelt ist.” Sie findet es logisch, dass das Wut auslöst. “Aber vielleicht sollten wir diese Wut auf das System richten, nicht aufeinander.”

Am Ende des Gesprächs stellt Jill die Frage, die in den Kommentaren unter ihren Videos immer wieder auftaucht: Findest du es ungerecht, dass jemand mit sozialen Medien an einem Tag verdienen kann, wofür andere einen Monat arbeiten, oder sagt das vor allem etwas darüber aus, wie schief unsere Vorstellungen von Arbeit und Entlohnung geworden sind?