Miriam (23): “Durch Klimastress kann ich nicht mehr arbeiten, aber ich erhalte keine Sozialhilfe”

Miriam ist 23 und steckt fest. Nicht, weil sie nicht arbeiten will, sagt sie, sondern weil ihr Kopf es nicht mehr verkraftet. Klimastress, nennt sie es. Eine ständige Angst um die Zukunft des Planeten, die sie täglich lähmt. Schlaflose Nächte, Panikattacken, Weinkrämpfe beim Sehen von Nachrichtenmeldungen. Arbeiten gelingt nicht mehr. Aber Hilfe bekommen? Das erweist sich als deutlich schwieriger.

“Ich werde von Pontius zu Pilatus geschickt,” sagt Miriam. “Alle sagen, sie würden mich verstehen, aber niemand fühlt sich verantwortlich.”

“Es fühlt sich an, als würde die Welt abbrennen”

Miriam beschäftigte sich vor einigen Jahren immer intensiver mit dem Klimawandel. Was als Interesse begann, schlug in Obsession um. “Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen — ich konnte es nicht mehr loslassen. Es fühlt sich an, als würde die Welt abbrennen und alle machen einfach weiter.”

Laut Miriam ist ihr Stress keine ‘Phase’ oder ‘übertriebene Besorgnis’, sondern eine ernsthafte psychische Last. “Mein Körper steht ständig im Überlebensmodus. Wie soll ich da acht Stunden am Tag funktionieren?”

Sie hat es versucht. Verschiedene Jobs, befristete Verträge, ehrenamtliche Arbeit. Doch jedes Mal geriet sie ins Stocken. “Ich bekam Panikattacken am Arbeitsplatz. Dann sagen die Leute: ‘Atme mal kurz durch.’ Als ob das das Problem lösen würde.”

Keine Arbeit, kein Einkommen

Weil Arbeiten nicht gelingt, beantragte Miriam Sozialhilfe. Doch dort stieß sie auf eine harte Realität. “Sie sagten wörtlich: Klimastress ist kein anerkannter Grund, nicht zu arbeiten.”

Nach Miriams Angaben muss sie entweder nachweisen, dass sie vollständig arbeitsunfähig ist, oder für Arbeit zur Verfügung stehen. “Aber ich liege genau dazwischen. Zu krank zum Arbeiten, zu ‘gesund’ für Hilfe.”

Sie findet das ungerecht. “Burn-out wird ernst genommen. Depression auch. Aber sobald man sagt, es gehe ums Klima, schauen einen die Leute an, als wäre man ein verwöhntes Kind.”

“Sie sagen: Schalte die Nachrichten aus”

Am meisten frustriert sie der Mangel an Verständnis. “Ich bekomme Ratschläge wie: ‘Geh weniger in die sozialen Medien’ oder ‘Konzentrier dich auf schöne Dinge’. Als könnte ich einfach aufhören, mir um die Zukunft Sorgen zu machen.”

Laut Miriam ist Klimastress kein Luxusproblem. “Es geht um Existenzsicherheit. Um die Frage, ob meine Generation überhaupt eine lebenswerte Zukunft hat.”

Sie findet, dass Institutionen hinterherhinken. “Die Welt verändert sich, aber die Systeme nicht. Psychische Beschwerden, die in kein Kästchen passen, existieren für sie schlicht nicht.”

Online Unterstützung, offline nichts

In den sozialen Medien findet Miriam durchaus Anerkennung. Dort teilen junge Menschen massenhaft Gefühle von Ohnmacht und Angst vor dem Klima. “Ich bin also nicht allein. Aber Verständnis im Netz zahlt keine Miete.”

Sie wohnt jetzt wieder bei ihren Eltern. Das Studium hat sie abgebrochen, arbeiten gelingt nicht, sparen kann sie nicht. “Mein Leben steht still, obwohl ich erst 23 bin.”

Kritik aus der Gesellschaft

Nicht alle haben Mitleid. “Leute sagen: ‘Geh einfach arbeiten’ oder ‘Du suchst nur eine Ausrede’. Das tut weh,” sagt Miriam. “Als ob ich mir das aussuchen würde.”

Sie fragt sich, wo die Grenze liegt. “Wann darf man sagen: Das ist zu viel? Und wer bestimmt das?”

“Ich will keinen Luxus, ich will Ruhe”

Miriam sagt, sie habe keine großen Forderungen. “Ich will keine Freistellung fürs Leben. Ich will Zeit, Begleitung und Existenzsicherheit. Damit ich ohne Angst genesen kann.”

Ihr zufolge steht die Gesellschaft vor einer Wahl. “Wir sagen den Jugendlichen, dass sie sich Sorgen um das Klima machen müssen. Aber wenn diese Sorgen zu schwer werden, stehen sie alleine da.”

Sie blickt kurz weg und sagt dann: “Es fühlt sich an, als würde ich dafür bestraft, dass mir die Zukunft zu sehr am Herzen liegt.”